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ausstellungseröffnungs 30. november 2008
in der galerie im fürsthof neumünster
einführungsrede von doris weinberger, bremen
meine damen, meine herren
herzllich willkommen heute hier in der stadttöpferei neumünster zu einem optisch kulinarischen genuss mit- durchaus beabsichtigt - differenziertem beigeschmack.
ich daf sie - sozusagen als empfangsdame der gastgeberin - doppelt zu ihrem erscheinen beglückwünschen:
einmal zum besuch dieser von ihr über zwei jahren mit steigendem erfolg kultivierten gemächer selbst.
und ein zweites mal als gäste an einer für uns reich gedeckten tafel künstlerisch philosophischer köstlichkeiten.
um den genuss dieses angebotes ein wenig zu weiten, möchte ich ihnen - wir befinden uns ja kulturell im europäischen raum - gewissermaßen als besteck ein paar begleitende gedanken zu der in diesen räumen erschaffenen szenerie an die hand zu geben.
falls sie es bevorzugen, mit den fingern zu spreisen, dürfen sie natürlich gerne auch weghören.
so denn.
wir sind eingeladen, angelockt, verführt worden.
wir haben uns hier eingefunden aus den individuellsten gründen, eine darbietung des egoistischsten und gleichzeitig gemeinsamsten menschlichen unternehmens zu erleben: das speisen.
denn wie der philosoph georg simmel trefflich bemerkte.
"was ich denke, kann ich andere wissen lassen;
was ich sehe, kann ich sie sehen lassen;
was ich rede, können hunderte hören - aber was der einzelne isst, kann unter keinen umständen ein anderer essen.
indem aber dieses primitiv physiologische ein absolut allgemein menschliches ist, wird es gerade zum inhalt gemeinsamer aktionen wie es durch höher gelegene und geistige veranlassungen nur selten erreichbar ist."
das also ist der zustand, in dem wir uns momentan befinden.
und es ist der zustand, den susanne meissner gezielt als ausgangsbasis zu nutzen weiß, um uns einen äußerst ausgeklügelten streich zu spielen.
gleich till eulenspiegel und seinen beiden nachfolgern, verknüpft sie uns mittels ausgelegter brocken, welche wir bereits gierig mit den augen verschlugen haben mit ihren transformierten erzählungen, die sich nicht einfach unseren sehgewohnheiten anbiedern, sondern diese zielsicher verheddern.
keine chance, die tafel einzunehmen, sich zu setzen und im sinne kommunikativer plauderei das mahl genussvoll zu vertilgen.
die einzelnen thematisch gebundenen komponenten entwickeln ein eigenleben, wirken eigenartig "lebendig" und gleichzeitig würdevoll fern. sie widerstehen uns, fordern uns heraus durch ihre nicht fassbare formale gestalt, ihre materielle härte und distanzierte oberfläche. sie setzten sich gleichsam gegenüber und veranlassen ungewohnte denkräume und beziehungsgeflechte.
seit nunmehr 14 jahren erfoscht und erfindet susanne meissner die keramik und ihren wirkunsbereich immer wieder neu.
immer sind es vermeitlich harmlose objekte des alltags, deren ursprünglichen sinn sie erntleert und uns diese in handwerklich und künstlerisch ausgefeilter form mit anderem inhalt wieder vorsetzt.
diese relikte einer irgendwie anderen zeit und welt faszinieren durch ihre perfekte, gleichzeitig fragile balance zwischen ehrlicher vertrautheit und absoluter befremdlichkeit.
sie ziehen uns an mit ihrer erscheinung, die alle sinne anspricht.
sie spielen mit der dem material innewohnenden eigenschaft von hoher härte bei gleichzeitiger zerbrechlichkeit, wirken bodenständig und ebenso kostbar. somit betreffen sie unmittelbar und empfindlich unsere grundlegenden gesellschaftlichen konventionen.
wir befinden uns sozusagen in einem stilleben (französisch:natura morta) mit all seinen historisch belegten, zeitgenössisch umgesetzten zutaten und symbolwirkungen und haben durch die dreidimensionalität die möglichkeit, dies auch körperlich zu erfahren.
susanne meissner macht es uns vor, lädt uns ein- und das ist die tücke- nicht einfach nur sich dem schönen schein und dem konsum ihrer kunst hinzugenben, sondern feines vom groben zu scheiden, materie zu verfeinern und zu transmutieren gleich sich selbst.
sie bietet uns eine glegenheit- das ist was kunst vermag- gedanken zu bildern zu machen und damit greifbar, inspirierend, erhellend.
in diesem sinne möchte ich sie nun gerne entlassen, ihnen einen entdeckungsreichen, spannenden vormittag wünschen mit anregenden tafelgesprächen und vielfältigen kulinarischen ereignissen.
'
vielen dank
doris weinberger, bremen |
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